Augst, Kaiseraugst, Windisch – kleine verträumte Orte am Hochrhein und im schweizerischen Mittelland. Doch in Schichten darunter Spuren römischer Vergangenheit: die pulsierende Koloniestadt Augusta Raurica, das betriebsame Legions­lager Vindonissa, die ausgedehnten Gräberfelder mit ihren längst vergessenen Toten. Im Irgendwo die düstere Unterwelt, in der sie als Schatten ihr Dasein fristen.

Nach Jahrhunderten der Lethargie kommt in der Schattenwelt Unruhe auf. Ein zufälliger Verstoß gegen die herrschende Ordnung hat ungeahnte Folgen. Rebellische Schatten wollen sich nicht mehr abfinden mit ihrem elenden Los. Ein Sturm braut sich zusammen. Die Unterwelt rüstet zum Krieg.

Susanne Cho


Schatten
hört
die Signale

 

 

Roman

Susanne Cho, 1952 in Zürich geboren, besuchte das altsprachliche Gymnasium, studierte Kunstgeschichte und Psychologie und promovierte an der Universität Zürich. Fachausbildung in Psychotherapie. Sie arbeitet heute als Psychotherapeutin in Zürich.

Reihe: skepsis & leidenschaft / Band 8
mit Glossar, Illustrationen, Karten

© Skepsis Verlag, Zürich, August 2016
464 Seiten. Softcover, Format 12 x 19 cm, 492 g
Europa: 20 EUR / Schweiz: 22 CHF
ISBN 978-3-9521140-7-0

 

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Leseprobe aus Kapitel 27
Schattenchaos

...

Die Sache mit Ciltus, wie der Eisenhändler nun spöttisch genannt wird, rückt schnell in den Schatten eines Ereignisses, das alle Schatten zu rühren vermag. Torquatus ist es gelungen, die gesuchte Pforte für Prisca Iulia ausfindig zu machen und Prisca aus dem Orcus zu schleusen. Der Thraker ist überglücklich und möchte seine Angebetete am liebsten auf der Stelle heiraten. Doch Prisca Iulia winkt ab. Es ist nicht legal, meint sie, zumindest nicht, solange sie nicht weiß, was aus ihrem früheren Ehemann geworden ist. Dennoch veranstalten die Schatten an jenem Abend ein kleines Fest zu Ehren des glücklich vereinten Liebespaares. Erst spät kehrt Ruhe ein.
Ein Schrei zerreißt die Stille der Nacht. Panische Hilferufe. Die Schreie kommen aus dem Auffanglager, aus dem Südbereich, in dem die Frauen untergebracht sind. Cara ist als Erste am Tatort, hinter ihr Eustata, ihre Assistentin, eine Fackel in der Hand. Ioincatia Nundina sitzt aufrecht auf dem Boden der Felskammer, in der sie untergebracht ist, sie ringt nach Luft. Ihre Hände betasten den Hals, der deutliche Würgespuren aufweist. Cara versucht, die keuchende Nundina zu beruhigen, gibt ihr den Atemrhythmus vor, lässt nach Satto rufen. Eustata beeilt sich, den Auftrag auszuführen, doch die rutschigen Abwasserkanäle unter dem Theater sind weitläufig und Eustata nicht mehr die Jüngste. Satto zu finden dürfte schwierig sein, er hält sich nicht immer im Lager auf.
Cara atmet auf, als sie das Geräusch von Soldatenschritten hört. Der Thraker, gefolgt von Prisca Iulia. Gerührt ob der romantischen Liebesgeschichte haben die Frauen in seltener Großzügigkeit Prisca das Privileg zugestanden, eine kleine Kaverne in der Südwestverzweigung für sich allein in Anspruch zu nehmen. Der Schrei hat das Liebespaar jäh aufgeschreckt. Nach einem kurzen Wortwechsel macht der Thraker sich daran, die engen Seitenkanäle, die in die Felskammer führen, abzusuchen. Er weist die Frauen an, sich nicht von der Stelle zu rühren. Amicus, Umbra, Torquatus stürzen in das Frauengemach, kurz danach Sabinianus. Satto sei unpässlich, sagt der angehende Arzt ungewöhnlich knapp, er werde seinen Vater vertreten. Fachkundig untersucht er Ioincatia Nundina, errötet nur kurz, als er sie bittet, sich für die Untersuchung oben freizumachen. Er zwingt sich, seine Augen auf die Würgemale zu heften. Torquatus, Amicus und Umbra hingegen tun sich keinerlei Zwang an. Schön ist sie, Ioincatia Nundina, wie kaum ein Frauenschatten. Sie wirkt beinahe wie eine Sterbliche – könnte es sein, dass der Aufenthalt in der Oberwelt ihre Attraktivität noch steigert …
Die sonst so gelassene Eustata wirkt zutiefst aufgewühlt. Sie nimmt Cara beiseite und flüstert ihr etwas ins Ohr.
»Kein Zweifel, jemand hat versucht, Ioincatia Nundina zu erwürgen«, bestätigt Sabinianus und ersucht Cara, der jungen Frau beim Ankleiden behilflich zu sein.
»Man hat versucht, mich umzubringen«, flüstert Nundina. »Ich war im Schlaf, als die Hände nach mir griffen, kräftige … entschlossene Hände. Ich versuchte zu schreien, brachte keinen Laut heraus, bekam keine Luft mehr. Im letzten Moment strampelte ich mit meinen Beinen. Der Lärm muss andere Schatten geweckt haben, ich hörte Stimmen, die nach mir fragten, Schreie. Der Mörder wird wohl Angst bekommen haben, im allgemeinen Durcheinander konnte er durch diesen Seitenkanal entfliehen.« Sie weist mit der Hand auf eine enge quadratische Öffnung, durch die einst das Abwasser der Frauenthermen in den Hauptkanal floss.
»Hast du etwas bemerkt, das uns einen Hinweis auf den Täter geben könnte. Ein Geräusch? Genagelte Sohlen? Waffengeklirr? «, fragt Torquatus. Eine Frau wie Nundina weckt Begehrlichkeiten, erst recht bei Soldaten. Was, wenn in der Oberwelt alte soldatische Lebensgewohnheiten zu neuem Leben erwachten?
»Es war kein Legionär«, sagt Nundina, »es war kein Versuch einer Vergewaltigung … Es war die Absicht, mich zu töten. Und der Täter war kein Mann, sondern eine Frau.«
»Was macht dich so sicher?«, fragt Umbra. »Der Geruch. Glaubt mir, ich weiß, wie Männer riechen, auch wenn sie verschattet sind, haftet ihnen der männliche Geruch noch an. Dieser Duft aber war weiblich.«
»Für diese Nacht wird Torquatus bei dir wachen«, bestimmt Amicus, »ich werde bei Caeno um Verstärkung ersuchen, es scheint, dass wir mit Attentaten zu rechnen haben. Der Krieg hat jetzt die Oberwelt erfasst.«

...
[Auszug aus «Susanne Cho: Schatten hört die Signale», Kapitel 27, Schattenchaos, S. 304 – 308]